Cello-Klänge zum milden Schein der Abendsonne
Argentinische Künstlerin Sol Gabetta gastierte im Schweizer Rheinfelden
Südkurier, Oberbadisches Volksblatt, Jürgen Scharf
30.06.2010
Kein Wunder, dass man sich auf Schloss Beuggen riesig freut, den jungen Cellostar Sol Gabetta als Gastdozentin für die Internationale Sommerakademie für Musik im August gewonnen zu haben. Sie ist eine der fesselndsten und profiliertesten Künstlerpersönlichkeiten. Nicht von ungefähr sind auf dem Cover eines neuen Buches über große Cellisten zwei Porträts: das von Sol Gabetta und das des legendären Pablo Casals. Längst ist auch das von ihr gegründete und künstlerisch geleitete Solsberg-Festival, das Musikfest zur Sommersonnenwende in der Klosterkirche Olsberg und der barocken Stadtkirche St. Martin in Rheinfelden/Schweiz, kein Geheimtipp mehr, sondern ein Publikumsrenner – selbst beim zeitgleichem Spiel der Schweizer Mannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft.

Mit ihrem Cello im Arm gleitet Sol Gabetta in einem langen weißen Kleid feengleich herein und setzt den Bogen im milden Schein der durch die Kirchenfenster fallenden Abendsonne an. Auf dem Programm das vielgespielte erste Cellokonzert des französischen Komponisten Camille Saint-Saëns mit virtuosen Passagen, einem lyrischen und kantablen Seitenthema und Ausflügen in die tieferen Lagen des Solocellos.

Was soll man noch über Sol Gabettas Cellospiel sagen, was nicht schon gesagt worden ist? Nur so viel: Sie spielt richtig schön. Ganz dem Moment ergeben, leuchtend klar im Ton, delikat im Pianissimo den Klang verschattend, farbig und virtuos an den brillanten Stellen, lässt sie den Klang erblühen. Ihrem kostbaren Guadagnini-Cello von 1759 entlockt sie einen berückenden Ton.


Dieses Violoncello hat ein sonores Mezzotimbre, darf sich aber auch zum lyrischen oder dramatischen Sopran aufschwingen. Für ihren Saint-Saëns bringt Sol Gabetta allen Esprit und Eleganz mit, um dieses Bravourstück passioniert vorzuführen. Wie kommt es, dass diese Ausnahmemusikerin immer das richtige Gespür für die Valeurs hat? Weil sie nicht nur Cello spielt, sondern ein Cello ist, mit ihrem Instrument verschmilzt. Für den Applaus bedankt sie sich mit dem Schlusssatz des ersten Haydn-Cellokonzerts, das sie letztes Jahr am selben Ort so wundervoll gespielt hat. Sol Gabetta ist sicher eine der schönsten Cellistinnen, aber auch eine der besten.

Fast schon ihr „Hausorchester“ ist das Kammerorchester Basel, mit dem der argentinische Nachwuchsstar schon CDs eingespielt hat und im Mai nächsten Jahres auf große Tournee durch Argentinien und Brasilien geht. Dass sie sich gut verstehen, hört man. Für Saint-Saëns greift das dirigentenlose Kammerorchester Basel doch auf einen Dirigenten zurück: Philippe Bach ist an der Seite der Solistin ein aufmerksamer Begleiter. Bei der Trauersinfonie von Haydn und der (im Stehen gespielten) Pariser Sinfonie von Mozart leitet Konzertmeisterin Julia Schröder das Ensemble und sorgt mit Temperament und Lebendigkeit für unakademisch frische Interpretationen mit federndem, drängendem Gestus, schlanker Klanggebung und mitreißender Spielbrillanz. Bleibt zu hoffen, dass nächstes Jahr das sechste Solsberg-Festival wieder in Rheinfelden gastiert.



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