Jetzt strahlt die Festspiel-Sonne
Cello-Superstar Sol Gabetta und das Kammerorchester Basel bei den EW in Fürstenzell
Pasauer Neue Presse, Raimund Meisenberger
24.06.2010
Ihren Eltern ist sie heute noch dankbar. Alle zwei Wochen hat ihr Vater die kleine Sol Gabetta zum Cellounterricht gefahren. Von Córdoba nach Buenos Aires. 700 Kilometer weit. Einfach.

Heute lebt die 1981 geborene Argentinierin in der Schweiz, hat mehrere Echos gewonnen und spielt dank eines privaten Stipendiums ein Guadagnini-Cello von 1759, das rund eine halbe Million Euro wert sein soll. Das Publikum liegt der unprätentiös auftretenden hageren Blondine zu Füßen, ihr Gesicht ziert die Musikmagazine, ihre Platten sind Bestseller: Die Europäischen Wochen hätten sie auch dreimal buchen können, sagt Intendant Pankraz Freiherr von Freyberg, die optisch und akustisch fabelhafte Pfarrkirche Fürstenzell mit über 500 Plätzen wäre immer so voll gewesen wie am Dienstagabend. Ein Konzert wie ein Sonnenaufgang.

Der Pferdeschwanz fliegt, die Finger rasen, als Sol Gabetta in Haydns C-Dur-Cellokonzert einsteigt. Der extreme Schwierigkeitsgrad - nur Spielerei für sie, die Kadenz im ersten Satz mit all ihren Doppelgriffen, Flageoletts und Tempoläufen über das ganze Griffbrett - ein luftiges Vergnügen, das nur bescheren kann, wer leibhaftig eins ist mit seinem Instrument. Das Adagio ein würziger Honig, das Finale feuerscharf, die Bewegung immer wichtiger als die schiere Tonschönheit. Stürmischer Jubel, stehende Ovationen in Fürstenzell. Als Zugaben der 3. Satz aus Leopold Hofmanns Cellokonzert in D-Dur. Und - eine Offenbarung an Klang - das Dolcissimo aus dem „Buch für Violoncello“ des Letten Peteris Vasks: Raum und Zeit enthoben, Obertöne aus dem Nichts, ein flehend gesungenes „Ahh“ . . . Eine Ahnung von Ewigkeit durchzieht im Raum.

Die Kunst,mit Augen zu dirigieren

Und nun? Das besondere Glück dieses Konzerts liegt darin, dass das perfekt auf die Solistin eingespielte Kammerorchester Basel ohne sie genauso faszinierende Musik macht. Am Ende in Mozarts effektgeladener Pariser Sinfonie Nr. 31 in D-Dur und noch viel mehr gleich zu Beginn in Haydns 44. Sinfonie in e-Moll. Das sehr jung und sehr weiblich besetzte Orchester spielt mit einer seltenen Brillanz, dermaßen frisch, homogen und mit einer Gestaltungskraft, dass blind wohl niemand vermuten würde, hier stünde niemand am Pult. Die Konzertmeisterin Julia Schröder, 1978 in Straubing geboren, leitet ihre Kollegen mit ihrem Körper, ihrem Kopf, ihren Augen. Mit einem Blick dirigiert sie mehr als mancher Kollege mit viel Gefuchtel an einem ganzen Abend.

Augen suchen und finden sich, es wird gelächelt im Orchester. Nicht zu Marketingzwecken, sondern aus purem Vergnügen am Werk und ihrem eigenen Können. Diese Musiker haben sich die Mühe gemacht, kleinste Motiveinheiten auszuarbeiten und Sinngehalt in Klang zu übersetzen, hier fahl, da drohend, dort jubilierend, überall klar und dezidiert. Gerade in den Streichern ein Klang wie Samt. Nicht nur flauschig, sondern mit Kontur. Eine mutige Klangkultur. Ein Rausch aus Schönheit, Energie und Glück für alle Hörer.



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