| Pressestimmen zum hr-Sinfoniekonzert mit Leonard Slatkin und Sol Gabetta |
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Beim »Freitagskonzert« des hr-Sinfonieorchesters in der Alten Oper Frankfurt bot der amerikanische Gastdirigent Leonard Slatkin einige unerwartete Überraschungen, darunter die Hörerwartungen verändernde Neubewertung der Raumwirkungen. So blies in der zentralen »Scène aux champs« der vorzügliche hr-Oboist Liviu Varcol, der mit diesem Konzert altersbedingt seinen Abschied gab, sein Solo nicht in den Kulissen, sondern vom Rang des Konzertsaals aus. Umgekehrt wurden die Paukisten für das »Donnergrollen« am Satzende in der Garderobe postiert. Aber auch in den übrigen Sätzen vermochte Slatkins überzeugende, kontrastreich zugespitzte Interpretation dieser Musik viele neuartige Facetten abzugewinnen, so dass die Spannung ständig wuchs.
Weniger geprobt und ausgearbeitet erschien zu Beginn des Konzerts hingegen die Sinfonische Dichtung »Aus Böhmens Hain und Flur« aus dem Zyklus »Ma vlást« von Bedrich Smetana – ein zu wenig differenzierter, oft nur laut anmutender Einheitsklang. Welch Nuancenreichtum herrschte hingegen bei Berlioz vor!
Bewundernswert war in diesem Zusammenhang auch die Leistung der argentinischen Cellistin Sol Gabetta als Solistin des Konzerts für Violoncello und Orchester Nr. 1 a-Moll op. 33 von Camille Saint-Saëns, die das schwierig zu gestaltende Eingangsthema mit Noblesse und Feinschliff intonierte und doch die einzelnen Töne sauber voneinander absetzte. Ernest Blochs »Prayer« war die Zugabe.
Harald Budweg, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.05.2010
Romantisch strahlte der Stern des Cellos
Sie stammt aus Argentinien und ist ein Star am Cello. Sol Gabetta gab dem jüngsten Konzert mit dem HR-Sinfonieorchester in der Alten Oper Frankfurt eine besondere Note.
Sie ist zu Recht der Stern am Cellistenhimmel. Von der hochgewachsenen Künstlerin geht eine enorme Ausstrahlung aus. Das merkte man bereits, als Sol Gabetta im Großen Saal die Bühne betrat.
Gerade hatte das HR-Sinfonieorchester unter Leitung des ebenfalls nicht wenig charismatischen Leonard Slatkin noch recht schwungvoll «Böhmens Hain und Flur» von Smetana in Szene gesetzt. Da schickte sich die 28 Jahre alte Cellistin an, dem ersten Cellokonzert des zu Unrecht oft verschmähten Camille Saint-Saëns mit weichem und elastischem Strich ihr eigenes Gepräge zu geben. So kurz und kompakt dieses knapp zwanzigminütige Werk auch sein mag – eine Künstlerin vom Schlage Gabettas kann darin alle Facetten ihrer musikalischen Fähigkeiten eindrucksvoll vorführen. Man hörte und staunte.
Nach der Pause stand mit Berlioz’ «Symphonie fantastique» ein weiteres urromantisches Werk auf dem Programm. Das Orchester musizierte in großem Format und durfte sich auf die präzisen Anweisungen des alten Fuchses Slatkin verlassen. Schon bei Smetana hatte er die Zuhörer mit einer zuweilen sehr differenzierten Gestaltung der Tempi verblüfft. Was etwa in schnellen Sätzen wie der Polka (bei Smetana) oder «Träume – Leidenschaften» (bei Berlioz) zunächst etwas träg und langsam schien, erwies sich in der Gesamtschau als ein durchaus die Spannung steigerndes Moment. Abschnitte wie der «Gang zum Richtplatz» oder ganz besonders die Glockenschläge im «Traum einer Sabbatnacht» verfehlten in der Interpretation des seit Jahrzehnten mit Berlioz’ Werken vertrauten Orchesters ihre Wirkung nicht. Ein außergewöhnlicher Abend motivierte zu großem, dankbarem Beifall.
Matthias Gerhart, Frankfurter Neue Presse, 08.05.2010
Das 1. Cellokonzert von Camille Saint-Saëns bot der gebürtigen Argentinierin Gelegenheit, eine Gestaltung ziselierter Faktur aus dem lyrischen Klangszenen-Bogen des 1872 entstandenen Werks zu machen. Alles war hier transparent und luftig und einer hellen und aufgeräumten Ausdruckswelt verpflichtet. Gabettas Zugriff auf ihr Instrument ist tänzerisch, so wie sie sich mit dem Bogen in die Saiten wirft und die Läufe gleichsam hinsteppt. Die Lineatur ist dabei schlank und frei von näselndem Lyrismus.
Den Beginn des Abends machte Bedrich Smetanas sinfonische Dichtung »Aus Böhmens Hain und Flur«. Slatkin hielt sich fern aller Folkloreseligkeit und präsentierte die Formsprünge und Stimmungswechsel des Stücks fast wie Filmschnitte. Die grundsätzliche Haltung des Dirigenten kam auch der »Symphonie fantastique« von Hector Berlioz zugute. Das war keine sinfonischen Nervensäge mit hysterischem Ausdrucksüberschuss, sondern eine klassische Sinfonie, fast akademisch gebaut mit grellen Farben und bizarrer Tektonik. Die Nüchternheit Slatkins räumte alles Dunkle, Enervierende hinweg. Die ganz aus der Form gewonnene Attraktivität der Aufführung löste dank der phänomenalen Leistung der hr-Sinfoniker Beifallsstürme aus.
Bernhard Uske, Frankfurter Rundschau, 10.05.2010
Aller Überschwang ist ihm fremd, so er nicht ausdrücklich gefragt ist. Der Amerikaner Leonard Slatkin gehört zu einer Dirigentengeneration, der Sachlichkeit über alles geht. Beim hr-Sinfonieorchester entstanden sogar glutvolle romantische Werke in klassischer Klangbalance. Für das melodische Hochgefühl war Sol Gabetta zuständig, die Camille Saint-Saëns' 1. Cellokonzert in der Frankfurter Alten Oper wie aus einem Guss erscheinen ließ.
In Smetanas Zyklus »Mein Vaterland« ist »Aus Böhmens Hain und Flur« klingende Ansichtskarte der tschechischen Heimat. Slatkin und die hr-Sinfoniker verknüpfen die Momentaufnahmen zum fesselnden Panorama...
Ein romantisches Nachbeben ist das Cellokonzert des Franzosen Saint-Saëns (1835-1921), mit dem Sol Gabetta den nachhaltigen Ton ihres Guadagnini-Instruments von 1759 zu klanglichem Herzflimmern nutzt. … Mit einem gleichrangigen Orchester, das die süffigen Kantilenen, das elegante Menuett und die in Kadenzen gipfelnden virtuosen Momente intensiv vor- und nachbereitet.
Die junge Argentinierin hat vieles, was zur Weltkarriere prädestiniert: Ein Cello-Juwel, souveräne Technik, Ausdrucksstärke und innere Gelassenheit, die das Lamento des Cellokonzerts von Ernest Bloch (1880-1959) als Zugabe zum Intensivkurs in Sachen dunkles Melos werden lässt, im zwingenden Dialog mit dem Solo-Bratscher.
Um Klangkultur, instrumentale Perfektion und Schlagkraft des Orchesters auszuloten, ist Hector Berlioz' 1830 entstandene Symphonie fantastique ideal. Ein Künstlerleben in Liebe zu einer Frau, die als »idée fixe« das leidenschaftliche Drama durchdringt. Zwischen Trauma und Walzertraum, ländlicher Szene und gespenstischem Defilee mit festlichen Trompeten lässt Slatkin Sachlichkeit walten, ohne Spannung zu verlieren. Außer Rand und Band sind die Sinfoniker samt großem Trommler-Aufgebot aber erst beim Hexensabbat, bei dem die Totenglocke eine bizarre Parodie des Dies irae einläutet. So expressiv trocken exerziert scheint der französische Romantiker die grotesken Scherzi eines Schostakowitsch vorwegzunehmen.
Klaus Ackermann, Offenbach Post, 11.05.2010
Sie trägt die Sonne nicht nur im Namen: Wenn Sol Gabetta mit ihrem Instrument auf dem kleinen Podest neben dem Dirigenten Platz genommen hat, erhellt sich das Umfeld. Dann verpasst die junge Cellistin jenen im Publikum, die sich nicht vorbereitet und arglos Platz genommen haben, einen akustischen Sonnenbrand – wie jetzt in der Alten Oper, als Gabetta an zwei Abenden Gaststar des hr-Sinfonieorchesters war. Mit katzenhafter Eleganz und ausgefeilter Technik trieb die argentinische Ausnahmekünstlerin Camille Sant-Saëns‘ erstes Cellokonzert a-Moll durch den ausverkauften Saal. Am Freitag im ersten Satz noch auf der Suche nach der Harmonie mit den Frankfurter Musikern, zog die 29-jährige Virtuosin danach alle Register ihres Könnens. ... Wie in Trance spielte sich Gabetta durch die anspruchsvolle Partitur, war nun ganz bei sich und dem Orchester. Ergreifend ist zu nennen, was einer Umschreibung nicht bedarf. ... Die hr-Sinfoniker unter der Leitung von Leonard Slatkin erwiesen sich als kongeniale Partner, die den emotionsgeladenen Vortrag Gabettas facettenreich zu flankieren wussten. Slatkin, der das Orchester vor sechs Jahren zum letzten Mal dirigierte, führte mit sicherer, aber entspannter Hand. Er ist ein Mann der kleinen Gesten, der mit den Fingerspitzen und aus den Schultern heraus die Reise vorgibt; das Orchester folgte, als hätte es nie etwas anderes getan. Das Publikum war begeistert.
Ebenfalls im Zeichen der Romantik standen die beiden anderen Werke des Abends. Die »Symphonie fantastique« von Hector Berlioz und die sinfonische Dichtung »Aus Böhmens Hain und Flur« von Bedrich Smetana. Smetanas kleines sinfonisches Gedicht als Auftakt des Abends gehört zum berühmten Zyklus »Mein Vaterland«, dem auch »Die Moldau« entstammt. ... Slatkin ging das Stück in gemäßigtem Tempo an, was der Emphase guttat. Das Ensemble verlieh den melodienreichen Terz- und Sechstparallelen, einer fragilen Laubsägearbeit gleich, den fein säuberlichsten Zuschnitt. Bei Berlioz hieß es dann nach der Pause aus dem Vollen zu schöpfen. Das Orchester, auf rund 90 Musiker samt zweier Harfen aufgestockt, bewegte sich nichtsdestotrotz mit viel Gefühl durch »die Episode aus dem Leben eines Künstlers« – so der Untertitel der Komposition, die mit ihren fünf Sätzen als Prototyp der Programmmusik gehandelt wird. ... Das Orchester zeigte am Freitag Beweglichkeit in allen Instrumentengruppen und unterstrich in jedem der fünf Sätze, dass es zu Recht zu den qualifiziertesten Ensembles nicht nur in Deutschland gehört.
Manfred Merz, Gießener Allgemeine Zeitung, 11.05.2010
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