Ein Cello schreit nicht
Interview mit Klassik-Star Sol Gabetta: Über Erfolg und Ängste und ihr Verhältnis zu einem ganz besonderen Instrument
MAIN POST, Ralph Heringlehner
22.05.2010
Gabetta ist eine der gefragtesten klassischen Musikerinnen weltweit. Geboren wurde sie 1981 in Argentinien als Tochter französisch-russischer Eltern. Seit 2005 unterrichtet die vielfach ausgezeichnete Cellistin an der Musik-Akademie in Basel. In diesem Jahr ist sie einer der Stars beim Würzburger Mozartfest, wo sie gleich zweimal auftritt.

Sie sind 29 und schon ganz weit oben. Macht Ihnen der Erfolg manchmal Angst?
Sol Gabetta: Nein. Man darf nicht zu viel Angst haben. Es ist ein Glück, leben zu dürfen, und Angst gehört zum Leben. Es kann mir Angst machen, immer wieder in diese Flugzeuge steigen zu müssen (lacht). Ich fliege trotzdem gerne, weil ich weiß, warum ich's tue. Ich kann als Musikerin leben und auf der Bühne stehen – das ist so ein Glück.

Es ist ein hartes Geschäft. Das könnte einem schon Angst machen . . .
Gabetta: Klar. Es ist ein hartes Geschäft. Wenn ich nur ans Geschäft denken würde, würde ich Angst bekommen. Ich glaube, man muss sich total von diesem Geschäftsdenken verabschieden. Wenn man als Mensch etwas Besonderes zu geben hat, ist das das Größte – egal, ob man Musiker ist oder etwas anderes macht. Für mich wird bei jedem Konzert eine besondere Atmosphäre kreiert, die morgen auf jeden Fall nicht die gleiche sein wird wie heute. Wäre das nicht so, wäre mein Leben Routine, und ginge es nur um den Erfolg und ums CD-Produzieren, würd's mir keinen Spaß mehr machen. Natürlich ist es für mich auch wichtig, was die Presse schreibt. Wenn man mal eine schlechte CD oder ein schlechtes Konzert hat, kann die Presse einen Musiker sehr schnell nach unten bringen. Man merkt auch: Je bekannter man ist, je weiter oben man steht, umso gefährlicher wird es. Einem talentierten Anfänger will man helfen. Ab dem Moment, wo er vorwärtskommt, kommt auch der Neid. Aber Neid gehört halt zum Menschen, genauso wie Liebe. Natürlich freue ich mich über gute Kritiken und wenn die CDs gut laufen. Natürlich schmerzt es mich, wenn mal nicht so gut geschrieben wird. Aber ich versuche mich da nicht zu sehr zu fokussieren. Ich denke, wenn ich dem Publikum etwas geben, wenn ich ihm etwas erzählen kann, wenn es eine Kommunikation gibt zwischen mir und den Zuhörern durch die Musik, dann habe ich meinen Sinn im Leben gefunden.

Sie spielen ein Guadagnini-Cello von 1759. Macht es Sie nicht nervös, mit so einem wertvollen Instrument umzugehen?
Gabetta: Jaaa, das ist schon so. Ich sage immer, es ist wie mit einem Kind. Es macht mich nervös, mit kleinen Kindern zu reisen. Der Unterschied ist, dass das Cello nicht weint und nicht schreit (lacht). Der Nachteil ist, dass es vielleicht zweimal so groß ist wie ein Kind. Ich habe eine Schwester, die Autistin ist. Sie ist über 40 und immer noch wie ein Kind. Wir leben mit ihr. Ich bin also gewohnt, die Verantwortung gegenüber jemand anderem zu haben. Das Cello ist für mich – ja, es ist wie eine Persönlichkeit neben mir. Eigentlich macht's mich nervöser, wenn ich's nicht dabei habe. Wenn ich's dabei habe, hab' ich keine Angst.

Yehudi Menuhin hat mir in einem Interview mal gesagt, er glaube, dass man durch Musik Menschen besser machen könne. Was denken Sie?
Gabetta: Ich glaube, dass Musik etwas sagt, was Worte nicht sagen können, dass sie eine Energie hat und gibt, die etwas anderes nicht geben kann. Musik ist stärker als alles andere, was wir haben. Ich glaube, man kann den Leuten tatsächlich etwas Besonderes geben. Menuhin hatte Recht, ja.

Ich denke, Musik ist nur dann gute Musik, wenn der Interpret etwas von sich selbst, von seiner Persönlichkeit, seiner Seele hineinlegt.
Gabetta: Das stimmt schon, sonst wäre man eine Maschine und die Musik wäre wie ein Handyklingelton. Jeder von uns hat etwas, was der andere nicht hat, und es ist das Interessanteste überhaupt, in einem Konzert die Persönlichkeit, die Ausstrahlung des Musikers zu erleben. Wir Interpreten haben viele Jahre gelernt, was man machen kann und was man nicht machen sollte. Die Frage ist: Wie weit kann man mit seiner eigenen Persönlichkeit gehen? Wie bei allem ist hier die Schwierigkeit, eine Balance zu finden. Das Gefährlichste ist, und ich finde das auch ein bisschen daneben, wenn ich bei einem Interpreten spüre, dass er sich selbst zu sehr in den Vordergrund stellt. Im Grunde genommen sind wir Erzähler von Geschichten. Doch niemand weiß, was der Autor – also der Komponist – gedacht oder erlebt hat. Man kann sich noch so gut informieren und kann sich trotzdem nicht in den emotionalen Zustand des Komponisten versetzen. Deswegen bin ich ein bisschen vorsichtig zu sagen: „Mozart wollte das, Bach wollte jenes.“ Wer kann das wissen? Wer kann wissen, wie sie fühlten? Das heißt, wir müssen heute, in unserer Generation, unsere eigenen Mittel finden, die zu einem vielleicht ähnlichen emotionalen Zustand führen. Es ist aber im Grunde genommen alles ein vielleicht. Und dann kommt eben die Persönlichkeit des Musikers ins Spiel, der sein Publikum fesseln muss.

Beim Hören Ihrer CD hatte ich den Eindruck, dass Elgars Cello-Konzert Ihrer Persönlichkeit besonders weit entgegenkommt.
Gabetta: Das Schwierigste ist, dieser Musik ihre emotionale Substanz zu geben. Das hab' ich, als ich das Konzert mit 18 oder 19 das erste Mal spielte, noch nicht so gesehen. Da hab' ich das Stück sicher auch schon technisch und musikalisch irgendwie okay gespielt. Jetzt ist das anders. Schon als ich vor der CD-Aufnahme näher und näher an das Stück herangekommen bin, merkte ich, und jetzt bei der Tournee spüre ich es wieder, dass ich jedes Mal etwas Emotionales, Spirituelles finden muss. Es wird nie zur Routine, obwohl ich es in diesem Jahr 60 Mal spiele.

Bevorzugen Sie die Arbeit im Studio – oder spielen Sie lieber vor Publikum?
Gabetta: Schon lieber vor Publikum, kein Thema. Im Grunde genommen ist es so: Wenn man vier Tage im Studio für eine Aufnahme verbringt, ist es schwer. Man ist immer im gleichen Saal, man sieht immer die gleichen Leute, es braucht viel Konzentration. Man muss die Motivation jeden Tag selber aufbauen können, weil die Kommunikation mit dem Publikum fehlt, weil das gegenseitige Geben und Nehmen von Energie fehlt. Das Interessante bei Aufnahmen ist: Man kann immer etwas Neues ausprobieren . . .

. . . und Sie können's perfekt machen.
Gabetta: Es geht mir gar nicht so ums Perfektsein. Es geht mir nicht darum, ob jeder kleine Ton ganz wunderbar klingt. Ich bewundere Aufnahmen von anderen Künstlern, die sich noch um das letzte Detail kümmern, da ist dann auch nicht das kleinste Geräusch von einer Saite zu hören, weil die linke Hand sie vielleicht berührt hat. Aber das bringt dich einfach nicht weiter. Es ist wie jemand, der von Natur aus hübsch ist – aber auf Dauer dann doch langweilig wirkt, weil die Ausstrahlung fehlt. Natürlich muss eine Aufnahme eine bestimmte Perfektion haben, damit man nicht nach drei Jahren sagt: „Um Gottes Willen, was habe ich damals für einen Horror eingespielt!“ Es ist wichtig, die Balance zu finden.

Welche Musik hören Sie beim Autofahren?
Gabetta: Sehr viel Radio. Ganz unterschiedliche Programme. Radiohören bietet ein gutes Panorama von dem, was die Leute so hören, dazu möchte ich den Kontakt nicht verlieren. Manchmal, vielleicht für ein neues Projekt, muss ich CDs hören. Ich versuche das im Auto zu tun, weil ich einen langen Weg habe von meinem Zuhause bis zur Stadt, wo ich unterrichte. Ich kann da eine Stunde hin und zurück CDs hören.



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