HR-Sinfonieorchester und Sol Gabetta bezaubern in der Alten Oper
Alsfelder Allgemeine, Manfred Merz
10.05.2010
Sie trägt die Sonne nicht nur im Namen: Wenn Sol Gabetta mit ihrem Instrument auf dem kleinen Podest neben dem Dirigenten Platz genommen hat, erhellt sich das Umfeld. Dann verpasst die junge Cellistin jenen im Publikum, die sich nicht vorbereitet und arglos Platz genommen haben, einen akustischen Sonnenbrand - wie jetzt in der Alten Oper, als Gabetta an zwei Abenden Gaststar des HR-Sinfonieorchesters war.

Mit katzenhafter Eleganz und ausgefeilter Technik trieb die argentinische Ausnahmekünstlerin Camille Sant-Saëns erstes Cellokonzert a-Moll durch den ausverkauften Saal. Am Freitag im ersten Satz noch auf der Suche nach der Harmonie mit den Frankfurter Musikern, zog die 29-jährige Virtuosin danach alle Register ihres Könnens.

Sehen wir es so: Mit Fingerfertigkeit allein lässt sich heute kein Blumentopf mehr gewinnen. Die Form muss mit dem Inhalt korrelieren. Das ist in modernen Zeiten mit ihrer Hektik leichter gesagt als getan. Wie viel innere Anspannung es braucht, bis aus unzähligen Noten, Rhythmen, Triolen, Rubati, Legati und allerlei Finessen mit dem Bogen ein Werk aus einem Guss wird, ließ sich in der Alten Oper präzise nachvollziehen. Der furiose Beginn des nur scheinbar einsätzigen Konzerts (in Wahrheit sind es drei miteinander verknüpfte Sätze) mündet nach der Generalpause in ein Menuett - und plötzlich war alles pure Harmonie.

Wie in Trance spielte sich Gabetta durch die anspruchsvolle Partitur, war nun ganz bei sich und dem Orchester. Ergreifend ist zu nennen, was einer Umschreibung nicht Bedarf. Auch die Triolen des Anfangs, die in der Reprise wiederkehren, glänzten so fein, edel und wertvoll wie Meißener Porzellan. Die Zugabe von Ernest Bloch - der »Prayer« - geriet formvollendet zu sinnlicher Klangschönheit.

Die HR-Sinfoniker unter der Leitung von Leonard Slatkin erwiesen sich als kongeniale Partner, die den emotionsgeladenen Vortrag Gabettas facettenreich zu flankieren wussten. Slatkin, der das Orchester vor sechs Jahren zum letzten Mal dirigierte, führte mit sicherer, aber entspannter Hand. Er ist ein Mann der kleinen Gesten, der mit den Fingerspitzen und aus den Schultern heraus die Reise vorgibt; das Orchester folgte, als hätte es nie etwas anderes getan. Das Publikum war begeistert.

Ebenfalls im Zeichen der Romantik standen die beiden anderen Werke des Abends. Die »Symphonie fantastique« von Hector Berlioz und die sinfonische Dichtung »Aus Böhmens Hain und Flur« von Bedrich Smetana.

Smetanas kleines sinfonisches Gedicht als Auftakt des Abends gehört zum berühmten Zyklus »Mein Vaterland«, dem auch »Die Moldau« entstammt. Der Begründer der tschechischen Nationalmusik schuf hier Mitte der 1870er Jahre, als er bereits völlig taub war, eine Apotheose Böhmens, seiner Heimat, mit all ihren Traditionen und Eigenheiten. Was in »Aus Böhmens Hain und Flur« am meisten überrascht und gleichsam verärgert, ist, dass Smetana die kleinteilige Abfolge der Stücke minutiös einhält; ärgerlich ist dies deshalb, weil die Tutti-Einleitung zum Dramatischsten und Wertvollsten gehört, was der Tondichter je zu Papier brachte - und dennoch viel zu schnell verklingt, ohne je wiederzukehren.

Slatkin ging das Stück in gemäßigtem Tempo an, was der Emphase guttat. Das Ensemble verlieh den melodienreichen Terz- und Sechstparallelen, einer fragilen Laubsägearbeit gleich, den fein säuberlichsten Zuschnitt.

Bei Berlioz hieß es dann nach der Pause aus dem Vollen zu schöpfen. Das Orchester, auf rund 90 Musiker samt zweier Harfen aufgestockt, bewegte sich nichtsdestotrotz mit viel Gefühl durch »die Episode aus dem Leben eines Künstlers« - so der Untertitel der Komposition, die mit ihren fünf Sätzen als Prototyp der Programm- musik gehandelt wird. Berlioz’ Kommentare zu den einzelnen Sätzen sollten indes nicht als eine Art »Libretto« missverstanden werden, sondern als Einstimmung auf die Szenen gedeutet werden, in denen der Komponist 1830 seine Liebe und unerfüllte Leidenschaft zur Schauspielerin Harriett Smithson vertonte - es wird geträumt, zum Ball geeilt, ein Abend auf dem Lande skizziert, zum Richtplatz geschritten und die hexenhafte Sabbatnacht besucht. Erst 1832 lernte Berlioz die Angebete kennen, und es gelang ihm, sie vor den Traualtar zu führen. Allzu glücklich verlief die Ehe nicht - doch darüber hüllen wir den Mantel des Schweigens.

Das Orchester zeigte am Freitag Beweglichkeit in allen Instrumentengruppen und unterstrich in jedem der fünf Sätze, dass es zu Recht zu den qualifiziertesten Ensembles nicht nur in Deutschland gehört.



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