Wunderbare Freiheiten im engen Konzert-Korsett
Sol Gabetta in Nürnberg
Nürnberger Zeitung, Thomas Heinold
20.04.2010
Schier unendlich scheint die Melodielinie im Kopfsatz von Elgars melancholischem Cellokonzert zu schweben – rhapsodisch sich verströmend, wird sie zum akustischen Symbol für die Freiheit des Komponisten wie seiner Interpretin. Die junge, doch künstlerisch schon weit gereifte Cellistin Sol Gabetta lässt diese Melodie sich mit großer Innigkeit, zögernder Sensibilität und doch energischem Zugriff entwickeln – als so entschlossenes wie überzeugendes Plädoyer für Elgars gewichtiges und auch sperriges Vermächtnis, das Gabetta vor kurzem auf CD, und dabei mit deutlich strafferen Tempi, aufgenommen hat.

Wie kurios wirkte es da doch, dass Sol Gabettas selbstbewusstes und agogisch kühnes Spiel bei ihrer aktuellen Tournee in das straffe Korsett des eingefahrenen und hinlänglich bekannten Konzertrituals eingeschnürt ist. Beim Auftritt am Sonntag in der Meistersingerhalle mit dem qualitativ äußerst versierten Kammerorchester Basel – es begleitete erst kürzlich Cecilia Bartoli in Nürnberg – erlebte man quasi zwei Konzerte: Erst bereitete das als musikalische Sedativum verabreichte Intermezzo »The walk to Paradise Garden« von Frederik Delius auf Gabettas intensiven und außergewöhnlichen Auftritt vor.

Nach der Pause – nun ohne Sol Gabetta – wirkte Dvoráks folkloristisch gefärbte 7. Sinfonie in der dramatisch aufgewühlten und tänzerisch vitalen Interpretation durch die Baseler unter Leitung des britischen Dirigenten Paul Mc Creesh dann so, als wollte man mit dem Pfeifenreiniger die Gehörgänge durchputzen und damit auch die Erinnerung an Gabettas akustisch delikates und feinnerviges Spiel wegblasen. Schade – nicht wenige im Publikum hätten wohl im zweiten Teil eine weitere Begegnung mit der argentinischen Cellistin vorgezogen.

Dabei hat – Korsett hin oder her – Gabetta wirklich viel geboten. Den Kopfsatz von Elgars Konzert steigerte sie noch zu trotziger Wut mit knurrendem Ansatz des Bogens auf der a-Saite. Wunderbar gelang ihr die Spannungssteigerung beim Übergang zum lebhaft nervösen und virtuos fordernden 2. Satz, den sie mit flackernder Energie erfüllte. Flüsternd und fragil gestaltete sie das Adagio, das unter ihren Händen schmerzhaft verletzlich wirkte.

Doch diese Wunde schloss sich im Finale: Gabetta gab dem Werk hier mit feurigem Zugriff und wilden dynamischen Sprüngen einen grimmigen, der traurigen Grundstimmung abgetrotzten Optimismus – ein Silberstreif, wo man ihn eigentlich nicht mehr erwartet hätte.

Außergewöhnlich waren auch die Zugaben. Bei Elgars »Sospiri« fand sie mit hohem, entrücktem Ton unter perlender Harfenbegleitung zu großer Ausdruckstiefe, die weit über ein Gelegenheitsstück hinausging. Und bei Peteris Vasks geflüstertem zeitgenössischen »Dolcissimo« für Cello solo sang Sol Gabetta sogar. Auch das klang, wie alles andere von ihr an diesem Abend, ganz wunderbar.



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