Verwandlungsgabe
Kammermusikabend mit Sol Gabetta
Neue Zürcher ZeitungThomas Schacher
26.01.2010
Dass Sol Gabetta über ein ausgelassenes Temperament und über theatralische Fähigkeiten verfügt, bestätigte sie in der ersten der beiden Zugaben. Mit der blendenden Interpretation eines folkloristisch geprägten Stücks des argentinischen Komponisten Alberto Ginastera rief die junge Cellistin begeisterten Applaus hervor. Doch im ordentlichen Programm des Duoabends in der Tonhalle Zürich zeigt sich die ebenfalls in Argentinien geborene und in der Schweiz lebende Cellistin von einer ganz anderen Seite. Zusammen mit ihrer Duopartnerin, der rumänischen Pianistin Mihaela Ursuleasa, interpretierte sie Beethoven, Schostakowitsch und Franck.

Ludwig van Beethovens späte Sonate für Violoncello und Klavier op. 102/2 entbehrt ganz und gar des äusserlichen Effekts und des emphatischen Ausdrucks. In erster Linie braucht sie ein Interpretengespann, das gut aufeinander abgestimmt ist. Gabetta und Ursuleasa erfüllten diese Voraussetzungen hervorragend und spielten einander die Phrasen in harmonischer Weise zu; am schönsten kam diese Partnerschaft im abschliessenden Allegro fugato zum Tragen. Dmitri Schostakowitschs d-Moll-Sonate op. 40 aus dem Jahr 1934 ist, wie so vieles bei diesem Komponisten, ein doppelbödiges Werk. Und dieser Charakter offenbarte sich in der Wiedergabe sehr deutlich. Beide Interpretinnen demonstrierten die Kunst der ständigen Verwandlung, bei der Schönes plötzlich in Unheimliches (oder umgekehrt) umschlagen kann. Wie schon bei Beethoven setzte Sol Gabetta das Vibrato sehr gezielt ein und erreichte damit eine Breite des Ausdrucks, die vom ganz Fahlen bis zum höchst Emotionalen reichte.

Eine gewisse Zurückhaltung auferlegte sich das Duo im ersten Satz von César Francks A-Dur-Sonate, die es in der Bearbeitung für Cello und Klavier spielte. Eine feingliedrige, nicht sentimentale Lyrik kam da zum Tragen. Indes erwies sich das als geschickt gewählter Einstieg zur energiegeladenen Deutung des zweiten Satzes. Im langsamen Satz schien Gabetta all das an Wärme des Ausdrucks nachzuholen, was sie sich bei Schostakowitsch versagt hatte. Und im abschliessenden Rondo reichten sich Virtuosität und grosse romantische Geste die Hand.



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