Sol Gabetta
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Sun 17.12.2017

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Neues fürs Cello: Von der Stille zur Ekstase

Am Anfang ist die Stille: Selten hatte man so sehr das Gefühl, dass die Stille vor dem Beginn mitkomponiert wurde wie bei wie bei Peteris Vasks Konzertmeditation “Klabutne” (“Präsenz”), dem zweiten Cellokonzert des Tonsetzers. Der lettische Komponist Vasks schrieb das dreisätzige, formal stringent und schlank gehaltene Werk speziell für die Starcellistin Sol Gabetta, die es 2012 bereits mit der Amsterdam Sinfonietta aus der Taufe hob.

Und Gabetta hat spürbar Spaß an der zunächst kühl meditativen, später sanglich-sinnlichen Linie des Werkes, das sie nun als CD mit dem Ensemble der Premiere vorlegt. Eine Zusammenarbeit, die ihren Talenten sehr entgegenkommt. Inniger Ausdruck, machtvolle, prächtige Tongebung und präziser Zugriff sind Gabettas Stärken, womit sie dem ausdrucksvollen, beinahe himmelhoch strebenden Konzert Gestalt gibt. Ihr argentinisches Temperament (Gabetta wurde 1981 im argentinischen Córdoba geboren) steht der lettisch-folkloristisch geprägten Musik Vasks zur Seite: Reibung schafft dann doch noch musikalische Wärme, die den zweiten Satz rhythmisch glühen lässt.

Ihre sichere Hand für Werke des 20. Jahrhunderts bewies Sol Gabetta schon früher: Zu ihrem Repertoire gehören Werke von Rodion Schtschedrin oder Mark Anthony Turnage. Ihre Aufnahme des Konzertes von Edward Elgar mit dem Danish National Symphony Orchestra von 2010 kann inzwischen sogar als Referenzaufnahme gelten. Der Erfolg machte ihr Mut, bei Herrn Vasks wegen eines Werkes für sie persönlich einfach mal forsch anzuklopfen. Peteris Vasks inspirierte die Aufgabe unmittelbar, denn das Konzert entspinnt sich mühelos, es erschließt sich beim ersten Hören. Von der Stille zur Ekstase: Gabettas Cello schwebt souverän durch die Dramaturgie der drei Sätze.

Der lettische Komponist Peteris Vasks (Jahrgang 1946) gehört gegenwärtig zu den erfolgreichsten seiner Zunft. Mit seiner Musik, die aus der Folklore Lettlands und zeitgenössischer Konzertmusik gleichermaßen schöpft, erreicht er durch eine direkte und oft sehr melodiöse Tonsprache intensive Klangwirkungen, gern auch mit programmatischem Anspruch. Vasks schrieb symphonische Werke, Kammermusik, Orgelmusik und anderes. Ein Schuss Mystik schwingt in Vasks Musik stets mit – “Seelennahrung” will er nach eigener Aussage dem Hörer anbieten.

Ein junger, aufstrebender Kollege von Sol Gabetta ist der Pariser Cellist Edgar Moreau, gerade mal 21 Jahre alt und schon fast ein Routinier – auch wenn er sich von seiner Plattenfirma auf dem Cover seiner neuen CD als frischer Springinsfeld inszenieren lässt. Kommt aber hin, denn so draufgängerisch wie Moreau zunächst das heikel-virtuose Konzert C-Dur von Joseph Haydn bewältigt, lässt sein Spiel keine Wünsche offen. Die Spannung steigt beim Vivaldi (a-Moll-Konzert RV 419), aber zum wahren Kracher wird das eher unbekannte D-Dur-Konzert von Giovanni Platti (1697-1763), welches mit einfachen, aber effizienten Melodielinien und harmonisch attraktivem Aufbau begeistern kann. Später Barock, frühes Rokoko, auf jeden Fall bestens passend zum eleganten Haydn.

Auch vom Programmaufbau versteht der junge Franzose offenbar eine Menge. Nach einem gediegenen Werk von Luigi Boccherini (G 479) beschließt Moreau sein Feuerwerk mit einem Konzert in C-Dur von Carlo Graziani (1710-1787), der in Italien (Asti) geboren wurde und in deutschen Fürstendiensten (Potsdam) starb – was er mit Platti gemeinsam hatte, den es ebenfalls in deutsche Lande verschlug. Sein Konzert liefert jedenfalls dankbares Virtuosenfutter, auch im stillen, aber durch Moreaus natürliche und zarte Tongebung umso intensiver wirkenden Larghetto.

Dankbar muss Edgar Moreau auch dem seit 2012 aktiven italienischen Barock-Ensemble Il Pomo d’Oro unter Leitung von Riccardo Minasi sein, die nicht nur in Sachen jugendlichem Temperament hervorragend zum Solisten passen, sondern auch mit trocken zupackendem Originalinstrumente-Ton und biegsamem Sound das ideale Stützwerk für Edgar Moreaus Kunst konstruieren.

Die Barockoper ist das eigentliche Metier von Il Pomo d’Oro, doch für Edgar Moreau gab es einen Seitensprung zum Konzert. Zusammen musizieren, keine bloße Begleitung: Oft wird es beschworen, hier haben es die Beteiligten mit leichter, aber entschlossener Hand realisiert. Edgar Moreau, der unter anderem bei Lynn Harrell und David Geringas studierte, gelingt es schon in jungen Jahren überzeugend, sein selbstbewusstes Spiel stets uneitel dem Werk dienstbar zu machen. Gerade darum leuchten vermeintlich kleine Konzerte umso heller.

- Der Spiegel, Werner Theurich, 29.11.2015