Sol Gabetta
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Tue 09.01.2018

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Cellistin Sol Gabetta: «Klassische Musik ist nichts Exklusives»

Die Cellistin Sol Gabetta spricht über ihr Solsberg-Festival, über die Erwartungen des Publikums und über den Sinn von Kinderkonzerten.

Sol Gabettas Solsberg-Festival eröffnet heute Abend. Bis Ende Juni lädt sie an vier Wochenenden befreundete Musikerinnen und Musiker nach Olsberg, Rheinfelden und Sulzburg ein, um Kammermusik und Orchesterkonzerte zu spielen.

Sol Gabetta, Sie kommen gerade von einer Konzertreise aus Los Angeles zurück, proben nun bereits wieder für die elfte Ausgabe Ihres Solsberg-Festivals. Sind das stressige Tage?

Sol Gabetta: Nein, die Musik, die Proben, die Konzerte – das stresst mich nie. Aber alles, was noch dazukommt, Organisation, Reisen … Bis jetzt war es ein anstrengendes Jahr.

… was in der Musik oft bedeutet: Ein erfolgreiches Jahr?

Ja, gerade durfte ich mein Debüt mit dem Los Angeles Philharmonic geben, am Piatigorsky International Cello Festival. Ein ganzes Festival nur für Cellisten. Yo Yo Ma war da, Truls Mørk, Mischa Maisky – und gemeinsam haben wir ein Konzert mit 100 Cellisten gegeben.

Gibt es denn bei den Cellistinnen und Cellisten keine Konkurrenz?

Vielleicht nicht so stark. Mit dem Cello kommt man gar nicht erst in diese Diva-Aspekte hinein. Wir Cellisten sind es gewohnt, die Basis der Musik zu sein, zum Beispiel im Streichquartett. Da können wir gar nicht egoistisch sein. Wir sind die Füsse der Struktur. Vielleicht trampeln wir deshalb nicht aufeinander herum.

Am Donnerstag beginnt die 11. Ausgabe Ihres Solsberg-Festivals. Hätten Sie es sich damals, 2006, als Sie an einem einzigen Wochenende die ersten drei Konzerte in der Kirche Olsberg gespielt haben, träumen lassen, dass sich das Festival so entwickelt?

Damals habe ich gar nicht so weit gedacht. Es ist ein Wunder, dass es so gut funktioniert. Im Moment machen wir fast keine Werbung, und eben auch kaum Interviews – weil die Konzerte auch so sehr schnell fast ausverkauft sind. Das ist auch eine grosse Erleichterung für mich. Wenn das Festival viel organisatorische Arbeit bedeuten würde – Sponsoren suchen, Werbung machen –, dann würde ich es vermutlich nicht mehr machen. Es ist ein Luxus, solch ein Festival zu haben – unbedingt nötig ist es aber nicht. Es gibt schon so sehr viele tolle Konzertangebote.

Das sieht Ihr Publikum vermutlich anders: Sie haben im vergangenen Jahr in Windeseile auch jenseits der Schweizer Grenze im deutschen Sulzburg eine Fangemeinde aufgebaut.

Das ist hier so eine spezielle Gegend, in der wir leben: das Dreiländereck. Ich wollte gerne im letzten Jahr zum 10-JahrJubiläum diese drei Länder hier verbinden. Leider hat es mit Frankreich aus organisatorischen Gründen nicht geklappt. Aber in Sulzburg haben wir eine wunderschöne kleine Kirche gefunden, mit einer phänomenalen Akustik. Das Publikum hat gleich gefragt, wann wir wiederkommen.

Was ist das Geheimnis des Erfolgs von Solsberg? Sind es die schönen ländlichen Kirchen als Konzertorte? Oder die Freundschaften zwischen den Musikern, die hier auftreten?

Vermutlich beides. Anfangs habe ich tatsächlich nur Freunde eingeladen, aber mittlerweile frage ich auch ältere Kolleginnen. Diesmal sind Sabine Meyer und Veronika Hagen dabei – das sind keine Freundinnen im klassischen Sinn, denn sie gehören einer ganz anderen Generation an. Aber ich habe sehr lange gehofft, einmal mit ihnen Kammermusik machen zu können, und ich bin sehr glücklich, dass sie meiner Einladung gefolgt sind.

Viele Festivals eröffnen mit einem besonders prunkvollen Konzertprogramm. Sie haben sich zur Eröffnung für eine recht seltene und intime Kammermusikformation entschieden: für ein Duo mit Violine und Violoncello, gemeinsam mit der Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Warum?

Das hat diesmal nur einen planerischen Grund: Patricia konnte einfach nur an diesem einen Tag. Für mich ist es kein Thema, ob das Festival mit einem Orchesterkonzert oder mit einem Rezital eröffnet. Es muss für die Musiker passen. Ich plane grundsätzlich nach den Vorlieben der Musiker. Wenn jemand am einen Tag nicht kann, kommt er am anderen.

Eine Konstante im Festival ist das Kinderkonzert. Was haben Sie dieses Mal vor?

Diesmal machen wir etwas Neues: Es spielen Kinder beim Kinderkonzert mit, zwei Mädchen, elf und zwölf Jahre alt. Wir spielen lauter kleine Stücke, im Duo oder im Celloquartett mit meinem ehemaligen Lehrer Ivan Monighetti und mir. Darum herum gibt es eine Geschichte. Das ist ein Experiment. Ich habe Monighetti gefragt, wie wir es machen sollen, wer wann zuerst spielt, damit wir den Mädchen die Bühnenangst nehmen. Da hat er mich ausgelacht und gesagt: Sie sind viel weniger nervös als wir beide.

Sind Kinderkonzerte ein guter Einstieg in den Klassikbetrieb? Manche unken, dass diese Konzertevents die Schwelle zum strengen Klassik-Konzert nicht abbauen, sondern erhöhen. Denn dort müssen die jungen Zuhörer auf einmal doch stillsitzen.

Mein Ziel ist nicht, dass die Kinder Musiker werden oder später ins Konzert kommen. Ich sehe klassische Musik nicht als etwas Exklusives an, sondern als eine allgemeine Kultur. Darum geht es beim Kinderkonzert. Alle sollen einen Zugang haben. – Ich konnte als Kind auch nicht stillsitzen bei den Konzerten, zu denen mich meine Mutter mitgenommen hat. Es sei denn, ich bin eingeschlafen. Und trotzdem bin ich Musikerin geworden. Ich denke, die Musik kommt trotzdem bei den Kindern an, auch wenn sie beim Zuhören nicht hoch konzentriert wirken.

Ein Konzert des Festivals trägt den Titel: Tango Session. Es spielt die Cappella Gabetta – auch mit Ihnen?

Nein, bei diesem Konzert bin ich nicht dabei. Mein Bruder Andrés leitet die Cappella Gabetta, und ich habe ihm eine Carte blanche gegeben. Er hat sich für die vier Jahreszeiten von Vivaldi entschieden, und für Tango. – Wenn ein Festival nur auf eine Person ausgerichtet ist, dann bekommt es mit der Zeit den Geschmack von Egomanie. Deshalb möchte ich das Festival gerne öffnen und jungen Künstlern eine Möglichkeit geben, sich auszuprobieren.

Sie sitzen als Professorin an der Musikakademie Basel ja an der Quelle. Wie ist es um den cellistischen Nachwuchs bestellt? Ist Cellistin noch ein Job mit Zukunft?

Wenn ich Kinder hätte – ich würde es ihnen nicht empfehlen, Musiker zu werden. Es ist extrem schwer geworden, davon zu leben, viele haben keine Arbeit. 300 Leute bewerben sich heute auf eine Tutti-Stelle im Orchester. Und wenn du solch eine Stelle dann doch bekommen hast, dann musst du dich plötzlich unterordnen – während dir eben noch an der Hochschule gesagt wurde, du musst eine starke Persönlichkeit haben, du musst immer sauber spielen, du musst besser sein als die anderen. Das kann dann sehr frustrieren. Hier versuche ich gegenzusteuern und meinen Studentinnen zu sagen: Die Kraft kommt nicht nur von den Leuten an der Spitze. Es braucht auch das Volk.

- Aargauer Zeitung, Jenny Berg, 26.05.2016