Sol Gabetta
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Tue 09.01.2018

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Cellokunst mit Charisma

Albert-Konzert: Sol Gabetta und Alexei Volodin in Freiburg.

Charme, Podiumspräsenz, ja Charisma: Lernen lassen sich diese für jedwede musikalische Interpretation nützlichen Tugenden kaum. Man muss sie eben haben, einfach mitbringen. Bei Sol Gabetta ist dies beglückend der Fall. Das zeigte sich beim Albert-Kammermusikabend, den die in der Schweiz lebende international gefragte Argentinierin jetzt im bestens frequentierten Freiburger Konzerthaus gab. Kein Wunder, dass die 34-Jährige auch unterm jüngeren Publikum Fans hat. Die so natürlich auftretende Espressivo-Künstlerin liebt den Schönklang, der bei ihr über reinen Ästhetizismus hinausgeht und Seele hat. Man hört einen runden, wandlungsfähigen und vollen Celloton, der nie aufdringlich daherkommt. Bei Beethoven und Sergej Prokofjew, den beiden Protagonisten des Rezitals.

Nicht zuletzt Prokofjews klassische Moderne profitiert davon. Da wird das vom Komponisten eigenhändig für Cello und Klavier arrangierte Adagio aus dem Ballett “Aschenbrödel” zum innigen (Liebes-)Lied. Später bei der Chopin-Zugabe (cis-Moll-Etüde) ereignet sich Ähnliches. Und selbst dort, wo sich Prokofjew in seiner für den Jahrhundertcellisten Mstislaw Rostropowitsch entstandenen virtuosen C-Dur-Sonate op. 119 nachgerade auf die Ebene des stilisierten Kinderlieds begibt, gelingt der Wiedergabe Tiefgang. Die, von ein paar geräuschhaft wirkenden Momenten abgesehen, blitzsaubere, schlackenfreie Celloqualität, die auch eine sonore Bassregion umfasst, avanciert zur Gegenwelt. Ausdruck und Noblesse ergänzen sich. Sol Gabetta, die Klarheit kultiviert, kennt keine Verstiegenheit. Sie kann Kammermusik. Der Pianist Alexei Volodin, gebürtiger Leningrader des Jahrgangs 1977, zieht aufmerksam und feinfühlig mit. Wohlgemerkt: bei Prokofjew.

Die Kongruenz in puncto Beethoven dagegen gilt es mühsam zu erarbeiten. Liegt’s am Rolf-Böhme-Saal? Mussten die Akteure zunächst die Balance finden? Wie dem auch sei: Vor allem bei der F-Dur-Sonate op. 5 Nr. 1 wäre die durch den Buchtitel des großen Liedbegleiters Gerald Moore zum geflügelten Wort mutierte bange Frage “Bin ich zu laut?” restlos zu bejahen. Schützenhilfe erhält Volodin gleichwohl vom Komponisten, der bisweilen in epischer Breite ein klavieristisch geprägtes Frühwerk schuf, eher eine Klavierkreation mit Cellobegleitung. Eine Sonate, die mitunter gar in Richtung Klavierkonzert weist. Wo das Tasteninstrument perlen darf: Da ist dieser russische Techniker in seinem Element. Wenn das Cello tatsächlich mal eine Preziose hat, dann kann es sie – welch ein Jammer! – nicht ausstellen. Grund: Der Mann am Steinway hat die Hosen an…

Bei der späten, auch in der Wahl der Mittel erheblich dichteren C-Dur-Sonate op. 102 Nr. 1 klappt vieles besser. Schon beim einleitenden Andante wird deutlich: Mit diesen Interpreten ist man dem Mysterium Beethoven erfolgreich auf der Spur. Sol Gabettas Cellokunst singt da ganz zart. Gefühl ist alles. Nichtsdestotrotz wirken gemeinsame Aktionen gegen Ende wie Elektroschocks – warum nicht? Die Cellistin und der Pianist, der erstmals bei einem Albert-Konzert auftrat, haben die Ideallinie erreicht. Auch das ist Charisma.

- Badische Zeitung, Johannes Adam, 18.01.2016