Sol Gabetta
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Tue 09.01.2018

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“Prall gefüllt ist sie, die Vase neben dem Flügel. Mit Sonnenblumen, die den dezenten Ockertönen im Interieur des Sulzburger Kirchenkleinods St. Cyriak ein Leuchten à la Van Gogh beisteuern. Natürlich, die Sonne, die Sol Gabetta schon in ihrem Vornamen trägt. Sie wird sie ihrem Publikum zum Abschluss des Konzerts, mit dem ihr schweizerisches Solsberg-Festival einen ersten Abstecher ins Südbadische macht, in Blumenform verehren. So wie die Cellistin ihr gesamtes Konzertprogramm als Widmung verstanden wissen will – “an einen Freund”. Bei Felix Mendelssohns zweiter Cellosonate war es der Cellist Mathieu Wielkorsky, im Falle von Sergej Rachmaninows g-Moll-Cellosonate ging die Dedikation ebenfalls an einen Großen der Zunft – den russischen Cellisten Anatolij Brandukow.

Dieses Werk gehört sicher zum Leidenschaftlichsten aus der Celloliteratur. Nun stelle man sich mal das Maximum an Emotionalität vor, das Kammermusik hervorzubringen vermag. Und multipliziere es mit dem Faktor zwei bis drei. Dann wird man ungefähr auf das Ergebnis kommen, das Sol Gabetta und ihre Partnerin Polina Leschenko erzielen. Partnerin, nicht Klavierbegleiterin – eine ganz wichtige Erkenntnis dieses Abends. Die russische Pianistin ist bei aller überschäumenden Virtuosität und technischen Brillanz (gerade in der Motorik des Anschlags) eine exzellente Kammermusikerin. Die das Wechselspiel der Rollen von Dominanz, Ein- und Unterordnen mit spürbarer Leidenschaft pflegt, sich einfühlt und hineindenkt in das Spiel der Partnerin – auch bei den beiden Chopin-Zugaben (cis-Moll- Etüde und Polonaise brillante).

Was umgekehrt für Sol Gabetta genauso gilt. Musikalische Partnerschaft heißt hier eins werden im Klang – auch dort, wo Kontrast angesagt ist. Das Scherzo der Rachmaninow-Sonate mit seinen extremen Gegensätzen ist hierfür ein gutes Beispiel; der perkussive Bass im Klavier suggeriert einen Hexentanz, einen “Dies irae”. Beim Andante besteht eine gewisse Gefahr des Versinkens im Dahinschmachten, die die beiden Interpretinnen aber mit Eleganz umschiffen. Sol Gabettas lyrischer Celloton ist in der Kantilene von flammender Schönheit und Wärme, auch dort, wo sie den Charme von Vibrato und Portamento (Hinüberschleifen in einen anderen Ton) hervorkehrt.

Generell gilt: Die beiden Musikerinnen schwelgen im Extrem, gerade auch was die schnelle Tempi anlangt. Das Rasen im Finalsatz bei Mendelssohn ist sicher grenzwertig, gleichwohl scheint es nicht Selbstzweck zu sein. Beim dritten Satz aus Schumanns Fantasiestücken op. 73 dagegen wird man das Gefühl nicht los, das das Tempo – “mit Feuer” – im Celloklang fast zu naturalistische Effekte zeitigt. Das ist eine Frage der Ästhetik – über die sich immer trefflich streiten lässt. Und: Wer die Sonne im Namen trägt – muss der nicht brennen?
– Solsberg-Festival bis 1. Juli. Weitere Informationen unter http://www.solsberg.ch

- Badische Zeitung, Alexander Dick, 13.06.2015