Sol Gabetta
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Sun 17.12.2017

Press

Bei Sol Gabetta und Alexei Volodin werden Beethovens und Prokofjews Cellosonaten zu intimen Tagebüchern in Zeiten verschiedener Machtverhältnisse. Beide, Beethoven wie Prokofjew, opponieren, verhandeln und arrangieren sich mit ihrer Zeit, dem Wilhelminischen Preussenund Stalins Gulag. Beethoven widmet die 1. Cellosonate dem König, Prokofiew duckt sich unter dem Zentralkomitee. All dies schwingt in Sol Gabettas Spiel mit, gibt aber dem persönlichen Ausdruck den Raum.
Bereits wie die Cellotöne beim ersten Arpeggio im Klavier landen, die lupengenaue Übereinstimmung der Töne, lässt aufhorchen. Der Ton derfranzösisch-russischen Cellistin hat eine unerhörte, flötenhafte Zartheit,dann wird mit starkem Strich zugepackt und das Instrument zum Kontrabass verwandelt. Mal begleitet das Cello das Klavier, dann eilt es ihm voraus, fängt es ein, umarmt es oder spielt mit ihm Katz und Maus. Gabetta und Volodins Spiel exemplifiziert die befruchtend unmögliche Einheit von Sturm und Drang und Klassik. Durch den festen, perlenden Anschlag des Leningrader Volodin gewinnt die Cellistin Raum und hält die Spannung bis zur Coda. Wie eine Wohltat wirkt danach das Allegro vivace. Im dialogischen Wechsel mit dem Klavier werden Bilder in satten Farben evoziert: leichte Volkstänze mit langen Bordunen, plötzliche Pausen, in denen stehende Cellotöne Schiffshorne oder ein Gefühl der Ankunft evozieren, dann endlose Heiterkeit, auffliegende Tauben. Das nächste Werk, Beethovens 4. Cellosonate, vergeht wie im Flug.
Mobile immer neuer Einfälle

Der Kontrast zu Prokofjew in der zweiten Hälfte des Programms ist gewagt – als würde die Balance von privater Erzählung und Öffentlichkeit nun dem Anekdotischen, Effektgetriebenen weichen. So vollführt der Prinz im Adagio aus «Cinderella» ein Tour de Force der Gefühle. Die Stimmungswechsel der Cellosonate op. 119 wirken wie ein Mobile immer neuer Einfälle. Die Gegensätze sind heiter bis grimmige Reminiszenzen einer Lebenswelt, die Musik als Fluchtort weiss. Gabetta streichelt, schlägt, reibt und reisst das Cello mit grosser Energie. Durch das konzentrierte Zusammenspiel des Duos wirkt die fragmentierte, aus vielen volkshaften Melodiengeschichtete Musik verbunden.
Überwältigende Klangfülle
Plötzlich kommt das Gespräch in Gang. Flageoletts, Springbogen und Pizzicati fügen sich zu picassohaften Bildern von Harlekins, Gauklern und Pferden im Galopp – Prokofjews kindlich-
naive Welt sublimiert als Gegensatz zum sowjetischen Alltag. Wunderbar wie Volodin die Stretta gleichsam heranzieht, diese Ladung an Witz, Leichtigkeit und Schwere. Nach den Kirchenglocken wirkt der Choral, in Mussorgsky-Manier streng gemeisselt, fast erhaben. Das Publikum dankt mit stehenden Ovationen und bekommt nach der überwältigenden Klangfülle zwei Zugaben: Chopins cis-Moll Etüde und ein flockiges Scherzo von Schostakowitsch.

- Ostschweiz am Sonntag, Charles Uzor, 17.01.2016